Festivalthema 2020: BOOM

Liebes Publikum, liebe Kunstfreund*innen,

seit 21 Jahren bereits waren Sie vielleicht schon daran gewöhnt, dass im Juni die 48 Stunden Neukölln Kunst in den Bezirk und viele Menschen auf die Straßen bringen. Auch das ist in diesem Jahr bedingt durch die Einschränkungen zum Schutz vor Covid19 anders. Diesmal mussten wir Sie bitten, zu Hause zu bleiben und uns hier auf dieser Website zu besuchen.

48 Stunden Neukölln, ein Festival das von Beginn an seinen Erfolg auf Austausch, persönlichen Gesprächen, Erkundungen ungewöhnlicher Orte und überraschenden Begegnungen mit Kunst gründet, verlässt in dieser Ausgabe das gewohnte Terrain. Wir gehen in diesem Jahr gemeinsam mit Ihnen gezwungen durch die Umstände (aber auch neugierig auf die Auswirkungen der Veränderungen) den Weg der technischen Innovation. Digitalisierung und digitale Experimente wurden schon in den vorherigen Jahren in künstlerischen Projekten zunehmend wichtiger.

Dieses Jahr findet das Festival mit all seinen Veranstaltungen online statt und das obwohl nun seit einigen Wochen bereits Lockerungen einsetzen. Doch diese betreffen Großveranstaltungen noch bis Ende August nicht. Und das sicher zurecht, denn die Lage bleibt unübersichtlich und durch anhaltende Gefahr möglicherweise zu einem Superspreader-Event zu werden, lässt sich das größte freie Kunstfestival der Stadt nicht verantwortungsvoll durchführen. Und trotzdem wollen wir den Kontakt zwischen den Künstler*innen und Ihnen, unserem Publikum, nicht abreißen lassen.

Statt dessen, laden wir Sie zu einem großen Experiment ein. Gemeinsam mit den Künstler*innen haben wir eine digitale Großveranstaltung auf die Beine gestellt. Auf unserer interaktiven Festivalplattform erwarten Sie für 48 Stunden über 200 Kunstprojekte auf ganz neue Weise. Zu erleben sind zeitlich befristet Konzerte und Performances als Livestream, Ausstellungen als gefilmte Dokumentation oder gar im virtuellen Raum, Diskurse als Konferenzschaltungen, Begegnungen und Atelierbesuche als digitale Formate und vieles mehr. In einem sehr begrenztem Umfang bringen wir auch Kunst auf die Straße. Drei „Signals“ auf öffentlichen Plätzen geben den Anwohner*innen die Möglichkeit, real erlebbaren Positionen zeitgenössischer Kunst im Vorübergehen zu begegnen. Und auch die Neuköllner Projekträume präsentieren sich ihrer Nachbarschaft mit inspirierenden Schaufensterausstellungen. Und in dieser Ausgabe verwandeln sich 75 Werbeflächen an Bushaltestellen in den Bezirken Neukölln und Tempelhof zu einer Galerie im Stadtraum.

Wir danken den vielen Künstler*innen, die sich ursprünglich für ein ganz anders geartetetes Festival beworben hatten, dass sie sich auch an unserer digitalen Ausgabe beteiligen und/um für Sie das Erleben von Kunst ermöglichen. Wir sind gespannt, ob es uns gemeinsam gelingt, ein Festivalerlebnis im digitalen Raum und ein Miteinander mit Hilfe der verschiedenen Formate zu simulieren. 

Unsere Festivalausgabe trägt weiterhin das Thema Boom, das sich gerade unheilvoll passend anfühlt. Es spielt mit den beiden Seiten des Wortes, der positiven Entwicklung und gleichzeitig mit dem großen Knall. Einen kraftvollen Ausbruch und die Zeichen eines abrupten Wandels, haben wir gerade alle erlebt. Das Thema wird von den Künstler*innen offen in viele Richtungen interpretiert. Es geht um die großen und kleinen Explosionen, aber auch das Wiederaufstehen oder den großen Durchbruch. Boom ist aber auch ein Bass, der die Musik antreibt oder die formale Visualisierung mit kräftigen Farben. Und natürlich auch das kritische Nachdenken über den wirtschaftlichen Shot-down und die „Grenzen des Wachstums“ in Bezug auf ökonomische und ökologische Fragen. Auch das eruptive Zerstören und neu Entstehen sind die Erscheinungsformen des Booms. Ergänzt haben wir das Thema um #systemrelevant. Zum einen aus Respekt vor den Leistungen der vielen Menschen, die in den vergangenen Krisenmonaten so viel gleistet, aber zum anderen um die Frage nach der Systemrelevanz von Kunst- und Kultur in unserer Gesellschaft aufzuwerfen.

Uns allen ist schmerzlich bewusst, dass unsere „48 Stunden Online“ nicht das unmittelbare Betrachten und Erleben von Kunst ersetzen können. Aber sie werden es doch ermöglichen Ihnen auf vielfältige und vor allem auch neue Art und Weise weiterhin Einblicke in das Entstehen von Kunstwerken, die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragen und das Kennenlernen von neuen Projekten ermöglichen. Wir hoffen, dass Sie auch diese digitale Vermittlung der Kunst interessiert nutzen werden. Noch mehr hoffen wir, dass sich die allgemeine Situation wieder beruhigt und wir dann 2021 wieder die Qualitäten eines „normalen“, also innovativen und vor allem zugänglichen Kunstfestivals 48 Stunden Neukölln mit Ihnen um so mehr genießen können.

Wir wünschen Ihnen viel Freude und anregende Einblicke in die künstlerischen Prozesse.

Bleiben Sie uns gewogen und vor allem gesund,

Thorsten Schlenger und Martin Steffens